Paul Murray, CEO von Swiss Re Life & Health, hat eine deutliche Warnung ausgesprochen: In den nächsten zehn Jahren werden viele Gesellschaften einen demografischen Wendepunkt erreichen, an dem die Zahl der über 65-Jährigen die der 30- bis 59-Jährigen übersteigt – eine Gruppe, die traditionell das Rückgrat des Lebens- und Rentenversicherungssystems bildet. In einem am Weltbevölkerungstag veröffentlichten Kommentar argumentiert Murray, dass diese Verschiebung nicht nur eine statistische Kuriosität ist, sondern ein Weckruf für die Versicherungsbranche, ihre Produkte für eine neue demografische Realität neu zu gestalten.
Murray hebt hervor, dass der Alterungstrend in den großen Volkswirtschaften bereits sichtbar ist. In den USA gibt es in elf Bundesstaaten mehr Erwachsene ab 65 Jahren als Kinder. Die über 65-jährige Bevölkerung Singapurs hat sich in einem Jahrzehnt auf 21 % nahezu verdoppelt, während Japan sich der 30 %-Marke nähert. Großbritannien, Frankreich und Deutschland liegen nicht weit zurück. Diese Zahlen sind zwar bekannt, wurden jedoch laut Murray noch nicht vollständig in den bestehenden Produktstrategien berücksichtigt.
Die Auswirkungen dieser demografischen Verschiebung gehen über Zahlen hinaus. Murray beschreibt sie als einen symbolischen Moment, der ein Umdenken des Generationenvertrags erzwingt – wie Gesellschaften Fürsorge und finanzielle Sicherheit im Alter gewährleisten. Die dem aktuellen System zugrunde liegende Rechnung bricht auf: Weltweit wird das Verhältnis von Erwerbstätigen, die jede über 65-jährige Person finanziell unterstützen, von etwa fünf zu eins im Jahr 2021 auf drei zu eins im Jahr 2050 sinken. Dieser Rückgang belastet zunehmend Familien, öffentliche Systeme und Einzelpersonen.
Murray argumentiert, dass die Herausforderung keine Krise der Demografie, sondern des Designs ist. „Unsere Systeme wurden für kürzere Lebensspannen und größere Erwerbsbevölkerungen gebaut, und sie wurden nicht für die Welt, in die wir tatsächlich eintreten, umgebaut“, schreibt er. Er ruft die Versicherungsbranche dazu auf, innerhalb des nächsten Jahrzehnts Produkte zu entwickeln, die auf die Bedürfnisse älterer Verbraucher zugeschnitten sind, und betont, dass es keine einzige Lösung geben wird. Stattdessen sei ein kooperatives Modell unter Einbeziehung von Familien, Regierungen, Gemeinschaften und dem Privatsektor notwendig.
Aktuelle Swiss-Re-Verbraucherforschung in Frankreich und Deutschland zeigt, dass Menschen das Alter in Bezug auf praktische Ergebnisse betrachten: unabhängig bleiben, widerstandsfähig bei gesundheitlichen Schocks sein und ihren Kindern nicht zur Last fallen. Murray stellt fest, dass die Branche jahrzehntelang auf Vermögensaufbau und Einkommenssicherung während der Erwerbsjahre optimiert hat, nun aber dieselbe Sorgfalt auf die Phase nach dem Ruhestand anwenden muss.
Der Kommentar verweist auf Beispiele innovativer Lösungen, die bereits entstehen. In Asien schließen Gesundheitsprodukte für Senioren eine echte Lücke: Das Durchschnittsalter bei Krebsdiagnosen liegt bei 67 Jahren, dennoch laufen viele Policen für schwere Krankheiten vor dem Renteneintritt aus. Spezielle Produkte für Krankheiten im Alter, wie etwa Krebsversicherungen für Senioren, helfen, diese Schutzlücke zu schließen. In Frankreich hat die Pflegeversicherung an Bedeutung gewonnen; über 1,4 Millionen Menschen sind durch private Lösungen zusätzlich zur öffentlichen Vorsorge abgesichert. Aufgeschobene Rentenversicherungen bieten einen weiteren Weg, indem sie heute Flexibilität mit garantiertem Einkommen später kombinieren und Langlebigkeit von einem individuellen finanziellen Risiko in ein breiter teilbares Risiko verwandeln.
Murray schließt mit der Feststellung, dass diese Lösungen Teile desselben Puzzles sind, die jeweils den Unterstützungskreis um den Einzelnen erweitern. „So sieht die nächste Entwicklung des Generationenvertrags in der Praxis aus“, schreibt er. Er fordert die Branche auf, das nächste Jahrzehnt als Produktentwicklungsfenster und nicht als Frist zu betrachten, und warnt, dass eine Errungenschaft zur Belastung werde, wenn Produkte und Institutionen für eine demografische Realität gebaut blieben, die nicht mehr existiert.